Projekte

CampusVäre

Bauherr
Stadt Dornbirn
Ort
Dornbirn | AT
Typologie
Büro und Produktionsgebäude
Fertigstellung
2026
Fotografie
Dominik Kummer

Mit der Transformation der Sägerhallen im Dornbirner Campus V - Areal entsteht ein Ort für Innovation, Kreativwirtschaft und Begegnung. An einem der bedeutendsten Wissens- und Innovationsstandorte Vorarlbergs, unmittelbar neben der Fachhochschule Vorarlberg, entwickelt sich die CampusVäre zu einem Zentrum für kreatives Arbeiten, Austausch und kulturelle Aktivitäten. Getragen von der Stadt Dornbirn versteht sich das Projekt nicht als abgeschlossene Immobilie, sondern als langfristiger Entwicklungsprozess. Das Leitmotiv „Meter für Meter“ beschreibt diese Haltung: Die Hallen werden nicht neu erfunden, sondern schrittweise um-, aus und weitergebaut.

Die industrielle Geschichte der Sägerhallen reichen bis ins 19. Jahrhundert. Der Umbau konzentriert sich auf Halle 4, einem Gebäudeteil, welcher in den 80er Jahren errichtet wurde. Ausgangspunkt des Entwurfs war die bewusste Entscheidung, den Bestand und seine räumlichen und materiellen Qualitäten sichtbar zu halten. Gebrauchsspuren, rohe Oberflächen und konstruktive Zeugnisse der vergangenen Nutzungen bleiben erhalten und erzählen die Geschichte des Ortes weiter. Die Architektur sucht ihre Qualität nicht im Perfekten, sondern im Vorgefundenen, im Weiterverwenden und im kontrollierten Improvisieren.

Das räumliche Zentrum bildet ein großzügiger Innenhof, der als grüner Freiraum in das Hallenvolumen eingeschnitten wurde. Durch den Rückbau eines Teils der Betondachkonstruktion entsteht ein offener Hof mit drei Bäumen, der Tageslicht tief in das Gebäude führt und der ehemaligen Industriehalle einen neuen atmosphärischen Mittelpunkt verleiht. Die Büroeinheiten gruppieren sich strangförmig entlang dieses Hofes, während das große Hallenvolumen als zusammenhängender Raum weiterhin vollständig erlebbar bleibt. Der Hof wird damit nicht nur zum Ort der Belichtung, sondern zum Mittelpunkt des Hauses.

Seine Glasfassade besteht überwiegend aus zwanzig großformatigen, wiederverwendeten Fenstern, die aus dem benachbarten Bibliotheksgebäude der Fachhochschule stammen. Ergänzt um neue Elemente mit integrieren Lüftungslamellen, über die Frischluft passiv in das Hallenvolumen einströmt. Gemeinsam mit Abluftöffnungen über Dach entsteht eine natürliche Grundlüftung, die temperatur- und CO₂-gesteuert arbeitet. Da das Hallenvolumen bewusst unbeheizt bleibt und annähernd Außenraumluftqualität besitzt, konnte auf eine zentrale Lüftungsanlage verzichtet werden. Lediglich die Büroeinheiten werden über kompakte dezentrale Lüftungsgeräte beheizt und belüftet. Die technische Infrastruktur folgt dabei konsequent dem Anspruch, nur dort Technik einzusetzen, wo sie tatsächlich notwendig ist.

Die neuen Einbauten bestehen aus einem modularen Holztragwerk im Raster von 3,60 × 3,60 Metern. Sämtliche unverleimte Hölzer stammen aus dem stadteigenen Forst und wurden in unmittelbarer Nähe verarbeitet. Kurze Transportwege, regionale Wertschöpfung und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Ressource Holz waren dabei ebenso entscheidend wie die konstruktive Logik. Durch reduzierte Querschnitte konnte die Holzausbeute maximiert werden. Die Deckenelemente wurden an den Eckpunkten auf die Stützen aufgesteckt und mit Buchendübeln fixiert. Sichtbare Schraubverbindungen machen sämtliche Konstruktionen nachvollziehbar und ermöglichen ihren zerstörungsfreien Rückbau.

Diese Trennbarkeit setzt den Kreislaufgedanken konsequent fort. Während wiederverwendete Bauteile aus der Vergangenheit im Projekt integriert wurden, sind sämtliche neuen Konstruktionen bereits mit Blick auf ihre zukünftige Wiederverwendung entwickelt. Bürotrennwände bestehen aus kleinteiligen, verschraubten Elementen, die sich mit wenigen Personen und einfachem Werkzeug demontieren und an anderer Stelle erneut einsetzen lassen. Kreislauffähigkeit wird damit nicht als nachträgliche Optimierung verstanden, sondern als Entwurfsprinzip. Die Wiederverwendung vorhandener Ressourcen prägt das gesamte Projekt. Neben den großformatigen Fenstern wurden Betonträger des zurückgebauten Daches als Sitzstufen im Eingangsbereich wieder eingebaut. Stahlträger, nahezu sämtliche Industrie- und Büroleuchten, die auf LED-Technik umgerüstet wurden, eine Gastronomieküche sowie eine ehemalige Meisterkabine, die heute als schwebender Besprechungsraum dient, wurden in den Entwurf als wiederverwendete Materialien integriert.

Insgesamt entstanden einundzwanzig Büroeinheiten für Start-ups und Unternehmen der Kreativwirtschaft sowie Gastronomie, Seminar- und Besprechungsräume. Der zentrale Hallenraum ermöglicht Veranstaltungen unterschiedlichster Größe und macht die CampusVäre zu einem Ort des Austauschs. Gemeinschaftsfunktionen wie Teeküchen, Besprechungsräume und Sanitärbereiche wurden bewusst außerhalb der Mietflächen angeordnet. Das Konzept provoziert zufällige Begegnungen und fördert Vernetzung als räumliche Qualität.

Materialität und Farbigkeit knüpfen unmittelbar an den Bestand an. Sichtbares Ziegelmauerwerk, Beton und raues Holz bestimmen den Charakter der Räume. Neue Stahlbauteile werden nicht kontrastierend hervorgehoben, sondern übernehmen mit Resedagrün (RAL 6011) jene Farbe, die bereits Türen und Fassaden der alten Industrieanlage prägte. Neu und Alt treten dadurch nicht in Konkurrenz, sondern bilden eine selbstverständliche Kontinuität.

Wiederverwendung, regionale Materialien, konstruktive Einfachheit und Rückbaubarkeit greifen ineinander und bilden eine Architektur, die Alterung zulässt und Aneignung ausdrücklich erwünscht. Es ist ein Gebäude, in dem Gebrauchsspuren nicht als Mangel verstanden werden, sondern als Fortsetzung seiner Geschichte – eine Architektur, die mit der Zeit gewinnt und deren Entwicklung bewusst offenbleibt.

Übersichtsplan | © Super BFG
Erdgeschoss
Obergeschoss
Lüftungskonzept
Längsschnitt
Querschnitt

Baustellenfotos

© Frederick Sams
© Frederick Sams
© Julian Forte
© Julian Forte
© Frederick Sams
© Frederick Sams
© Frederick Sams
© Frederick Sams
© Frederick Sams

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